Kolumnist Thomas Hafen hatte bei der Autorenlesung unterm Lindenbaum mit Alfred Metzler am 01. September 2015 eine „VISION“, die wir freundlicherweise hier nachträglich veröffentlichen dürfen. Viel Spaß!

Liebe Gäste, werte Freunde, liebe Wolfacher,

ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken, für die Einladung zu diesem Abend; beim wunderbaren Manfred Schafheutle und den vielen rührigen Förderern, die dafür kämpfen, dass wieder Leben in den alten Wolfacher Bahnhof kommt. Danke, dass Sie uns eingeladen haben, diesen Kampf ein sommerabendliches Gefecht lang mitzukämpfen, dieses Werk mit unseren bescheidenen Mitteln ein Stück weit voran zu bringen. Wir machen das sehr gern und sind auch stolz, dass wir zu den vielen ehrenamtlichen Stunden zumindest eine anfügen können. Ich kann nur hoffen, dass alle, die in diesen Wochen und Monaten mit viel Schweiß und Herzblut im Bahnhof hundert Meter weiter arbeiten, das mit der gleichen Freude tun, wie Alfred Metzler und ich das jetzt gerade eben tun. Was ist der Trick an jedem großen Gemeinschaftswerk? Nicht, dass einer allein, wie Atlas die Last der Welt schultert, sondern dass jeder das tut, was er am besten kann, und damit seinen kleinen Teil zum großen Ganzen beiträgt.

Wir sind, ich bin, er sie es ist – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – enttäuscht möchte ich nicht sagen. Aber … sagen wir, verwundert: Ein bißchen erstaunt. Ich meine, Hüte rum gehen lassen, das hat schon was für sich. Spendengelder sammeln, okay, Stein auf Stein, Zug um Zug zu einem alten Bahnhofsgebäude, wo wahrscheinlich nie mehr ein Mensch auf einen Zug warten wird. Doch, doch, das ist schon toll, aber ich sag´s vielleicht mal so: Liebe Wolfacher, schaut Euch doch mal um: In Offenburg da reden sie vom Ausbau der Rheintalbahn; von einem Gütertunnel und einer Alternativtrasse mit drittem und vierten Gleis. Oder Stuttgart; da wird für Milliarden – für Milliarden! – ein ganzes Bahnhofsviertel unterkellert, nur dass man im Jahr 2021 sechs Minuten schneller in Ulm ist. Und diese Rumbuddelei, die nennt man modern, zukunftsfähig und arbeitsmarktfreundlich. Also bitte liebe Wolfacher, beim heiligen Sankt Nepomuk, ein bißchen mehr Selbstvertrauen! Überlegt mal: Ihr habt Kordula Kovac nach Berlin katapultiert, Sandra Boser nach Stuttgart, ihr habt Frauen, die sich im Winter bei minus 20 Grad als Mann verkleidet in den Stadtbrunnen werfen lassen – und jetzt mal Tacheles: Ihr habt einen Wolfshaken im Stadtwappen – einen Wolfshaken Sack Zement. Das ist was anderes wie ein Goldfisch-Käscher. Ein Wolfshaken ist so was von martialisch, das ist doch eine Verpflichtung. Also bitte, wer von sich sagt, dass er Wölfe fängt und die Kinzig bändigt, für den ist eine reanimierte Bahnhofsmission doch nicht das Ende der Fahnenstange. Gut, wenn wir schon dabei sind: Nehmen wir den Schloßhof da draußen – toll gemacht, da vorne am Tor, ein Absperrgeländer – damit niemand rein fährt – klasse- das in einer Zeit, wo Parkplätze das sind, was in Indien Kühe sind – klasse. Aber jetzt mal ehrlich, das ist doch vergeudetes Potential. Mein Vorschlag: Geländer weg, Tor breiter und höher – und dann wieder mal den Reutebergtunnel sperren – und den ganzen Schwerlastverkehr hier über den Schloßhof leiten. Hier um die Linde rum. Stoßstange an Stoßstange, die gesammelten 40-Tonner aus aller Welt. Das wird ein Hupkonzert, für das man Eintritt verlangen kann. Stellt Euch das vor: Enrico aus Gelsenkirchen Süd fährt Maschinenteile von Zürich zum Daimler nach Sindelfingen – der muss seit einer Stunde auf der A 81 sein- hallo? Der rastet aus. Springt aus seinem Cockpit und macht meterhohe Sätze. Das ist Zirkus. Da könnt Ihr reihum die Fenster vom ehemaligen Amtsgericht an Investoren vermieten, eine VIP-Loge an der anderen; die ganzen Fassaden ums ganze Viereck rum eine einzige Promi-Lobby – vorne hin ans Stadttor eine Fahne: Stau Now! Public Viewing.

Aber nur tagsüber, das ganz große Kino gibt´s dann am Samstagabend: Die ganzen Lastwagen hier im Scheinwerferlicht, weinende Brummi-Fahrer, Männer aus Stahl, aber mit Heimweh. Über dem Schlosshof auf einer flatternden Fahne in scharlachroten Buchstaben: Großes Weltttheater: Die Stunde, wo wir nicht weiter wussten.

Oh, ich sehe gerade; da hinter lacht einer. Vorsicht! Wer zuerst lacht, lacht erfahrungsgemäß nicht immer am besten. Die Welt hat auch gelacht, wo Leonardo da Vinci seine ersten Flugmaschinen vorgestellt hat, oder Benjamin Franklin seine ersten Blitzableiter. Die Witzfiguren von heute sind die Nobelpreisträger von morgen. Visionen! So heißt das Thema – nur, damit´s keiner verfehlt: Visionen. Oder – ein anderes Wort für Visionen: Bad Rippoldsau.

Ich denke, es ist ein offenes Geheminis, das bei Herrn Waidele in der Schublade schon die Pläne lagen. Was hat denn jeder gleich gedacht, wo das mit der Krise bei der Kurklinik angefangen hat. Kommt, gebt´s zu Leute, was hat jeder gedacht? Das Beste wäre eine Staumauer auf Höhe vom Freibad Schapbach. Eine Riesen-Mauer aus Buntsandstein flutet das ganze Tal: Wolftalsperre! Unterwasserwelt Bad Rippoldsau – ach was Bad, Bad, Bad. Bad passt dann natürlich nicht mehr, ein wenig zu popelig, des muss peppiger sein, tiefgründiger – ich hab´s: Atlantis. Atlantis Rippoldsau Schapbach. Die – mit – der – Wolf – tanzen. Bärenpark jetzt auch mit Haifisch.

So – dann tragen wir jetzt das ganze Prinzip ein paar Floßlängen fußabwärts, traditionsgemäß bis zum Wehr Sachtleben und machen unsere Staumauer hier. Aber das machen wir natürlich nicht irgendwann. Das machen wir am 12. August, wenn`s 2016 noch nicht reicht, dann 2017. Auf alle Fälle nach Einbruch der Dunkelheit: Am Himmel das Sternbild von Perseus, eine sternenklare Nacht mit einem funkelnden Perseidenstrom, glühende Meteoriten, eine Sternschnuppe jagt die andere, tausend Wünsche geistern durch die Nacht. Die Kinzig steigt und über die dpa, über facebook und twitter geht die Nachricht raus in alle Welt: Wolfach löscht die Tränen von Sankt Laurentius. Holldrio.

Und ab jetzt: Nie mehr Late-Night-Shopping. Das war mal, jetzt heißt´s: Late-Night-Sailing.

Und nie mehr Bittgänge an Fronleichnam. Ab jetzt heißt es: Wasserprozession! Statt Birkenbäumle am Straßenrand: Wasserlilien und Seerosen soweit das Auge reicht. Der neue Pfarrer schwimmt voraus und wer sich als Kirchengemeinderat aufstellen lässt, darf vorne im ersten Boot mitfahren, mit einer orangenen Schwimmweste, handsigniert von Manfred Schafheutle.

Zu diesem Zeitpunkt haben wir im Bereich vor der Herlinsbachschule eine Riesen-Seebühne, größer wie Bregenz, ach was, größer wie Hornberg und die Triberger Wasserfälle zusammen – so aber jetzt kommt´s: Zu der Zeit ist das Schloss hier nämlich ein Wasserschloss, in der Schlosshalle hier kann man Tretboote mieten – Herr Maier, schreiben Sie mit – und unser Bahnhof hundert Meter weiter – wird ein U-Boot-Bahnhof. Direktanschluss zum Waldsee nach Haslach, Kombi—Ticket mit den Niagara-Fällen an der kanadischen Grenze. Und wenn´s dann noch irgendwo an einem oder zwei Eimer Wasser fehlt – dann sind Alfred Metzler und ich gerne wieder mit dabei. Versprochen.